Regattasegeln: Unschuld vs. Teilschuld

Auf Regattabahnen geht es bisweilen ganz schön rau zu. Auf engstem Raum wird navigiert, um sich in eine möglichst gute Position zu bringen. Da kommt es immer wieder zu Regelverletzungen und Kollisionen. Die Jury muss dann entscheiden, wer Schuld hat und entsprechend der Wettfahrtregeln bestraft wird. Aber welche Bedeutung hat das für die Haftpflicht?

„Viele Regattasegler gehen davon aus, dass das Urteil der Jury regulierungsrelevant für die Haftpflichtversicherung ist“, berichtet Holger Flindt, Leiter der Schadenabteilung beim Yachtversicherungsspezialisten Pantaenius. Ein Trugschluss, denn sportliche Ansprüche und gesetzliche Schadenersatzansprüche sind zwei verschiedene Paar Schuhe. 

Vor gut fünf Jahren hat das sogenannte Kampfsporturteil des Oberlandesgerichts (OLG) Karlsruhe für reichlich Wirbel in der deutschen Regattaszene gesorgt. Tenor der Richter: Wer Regatten segelt, übt eine Sportart aus, bei der Beschädigungen billigend in Kauf genommen werden. Und das käme Kampfsport gleich. Die Folge: Aufgrund der vermeintlichen Gefährlichkeit des Regattasegelns wird den Teilnehmern ein stillschweigender Haftungsausschluss untereinander unterstellt.

Flindt will dem nicht zustimmen. „Anders als beispielsweise beim Boxen, ist es beim Segeln nicht das primäre Ziel, dem anderen Schaden zuzufügen. Ganz im Gegenteil: Die Wettfahrtregeln zielen eindeutig darauf ab, Beschädigungen zu vermeiden“, erläutert Flindt seine Meinung. Allerdings sei bei Regatten die Wahrscheinlichkeit einer Kollision natürlich deutlich höher als beispielsweise beim gemütlichen Fahrtensegeln.

Das sah auch das OLG Schleswig so und erklärte im Rahmen eines Urteils, dass Regattateilnehmer bei Beschädigungen während des Renngeschehens immer eine Teilschuld trifft, auch wenn sie nicht der ursprüngliche Verursacher der Kollision sind. Diese Begründung erfolgte in Anlehnung an das sogenannte „Autobahnurteil“. Demnach trifft Unfallgeschädigte, die die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h auf der Autobahn überschreiten, immer eine Teilschuld von mindestens 30 Prozent, auch wenn sie nicht schuldhaft gehandelt haben. Der Grund: Wer die Richtgeschwindigkeit überschreitet, erhört das Unfallrisiko erheblich und nimmt dieses Risiko billigend in Kauf.  

Für viele Segler ist das oft nicht nachvollziehbar: Sie haben ein Jury-Urteil in der Hand, dass ihnen nachweislich bescheinigt, dass sie die Kollision nicht verursacht haben, und trotzdem sollen sie teilschuldnerisch haften. „Da entlädt sich schon mal der Frust bei der Versicherung“, berichtet Flindt. „Allerdings ist die teilschuldnerische Haftung keine Schikane der Versicherungsbranche, die sich vor der Regulierung drücken will. Sie basiert auf einer rechtlichen Grundlage, an die sich alle halten müssen“, gibt der Schadenexperte zu bedenken. 

Generell hat es den Anschein, dass das Verhalten auf den Regattabahnen aggressiver geworden ist. Immer häufiger wird der Ehrgeiz über die Vernunft gestellt. Das belegt auch das steigende Schadenaufkommen bei Regattaschiffen.

Gleichzeitig hat sich teilweise das Rechts- und Anspruchsdenken teilweise verschoben. Eine Versicherung scheint für einige Versicherungsnehmer eine Art Freifahrtschein zu sein, auf volles Risiko zu gehen. Dabei soll sie doch eigentlich die finanziellen Folgen, einer unabsichtlich verursachten Notlage absichern – das war zumindest mal der Grundgedanke einer Versicherung.